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Neuanfang nach 1945

Für das freie Geistesleben und für kritische Kunst jenseits des Zeitgeistes bedeutete die Regierungsübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 das Ende. Die künstlerische Avantgarde, die Berlin zuvor zu einem brodelnden Zentrum der Kultur in Europa gemacht hatte und die auch in Bremerhaven so etwas wie einen Hauch von „Bohème“ hatte entstehen lassen, erhielt Berufsverbot und wurde als entartet diffamiert. Künstlerinnen und Künstler aller Kunstgattungen immigrierten ins Ausland und diejenigen, die blieben, zogen sich in die innere Immigration zurück oder wurden Opfer des barbarischen Rassenwahns.
Und mit der Einschränkung der künstlerischen Betätigungsmöglichkeiten endete bald auch der internationale Austausch in der Kunst. Bis 1945 blieb Deutschland für mehr als ein Jahrzehnt von der internationalen Kunstentwicklung abgeschnitten.
Nach dem Krieg fehlte es entsprechend an Kunst und Kultur von internationaler Reputation. Als 1948 die ersten Künstler aus Deutschland wieder an der Biennale in Venedig teilnahmen, handelte es sich um bekannte Altmeister des Expressionismus wie Otto Dix, Max Pechstein oder Karl Schmidt-Rottluff die von wenigen zeitgenössischen, als „abstrakt“ kategorisierten Künstlern wie Willi Baumeister, Ernst Wilhem Nay und Ernst Schumacher begleitet wurden.
Jenseits dieser wenigen Ausnahmen war die Gegenwartskunst in der unmittelbaren Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik jedoch eine regionale und traditionelle Angelegenheit. Die Künstlerinnen und Künstler, die den Krieg überlebt hatten, knüpften dort an, wo sie vor ihren Ausstellungsverboten aufgehört hatten oder machten weiter wie bisher. Der Aufbruch in die wieder erlangte Geistesfreiheit kam so in der tradierten Bildsprache des Impressionismus oder eines gemäßigten Expressionismus daher. Erst mit zeitlicher Verzögerung reagierten die Künstlerinnen und Künstler in Deutschland auf die abgerissenen Tendenzen der Moderne oder neue künstlerische Ausdrucksformen, wie beispielsweise das Informel oder der abstrakte Expressionismus und die Farbfeldmalerei die aus Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika nach Deutschland kamen.
Diese Entwicklung lässt sich auch für die Künstlerinnen und Künstler aus dem Raum Bremerhaven nachvollziehen. Früh bemühten sie sich nach dem Krieg wieder um Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten. Der örtliche Kunstverein, der bereits im Juli 1946 seine Wiederzulassung durch die amerikanische Militärverwaltung erhielt, bot ihnen dafür einen organisatorischen Rahmen. Bereits im Dezember 1946 kam es so zur ersten Ausstellung. Derartige Verkaufsausstellungen in der Vorweihnachtszeit avancierten in den kommenden Jahren zu einer regelmäßigen Präsentationsmöglichkeit neuer Werke und der Kunstverein unterstützte im Rahmen seiner knappen Möglichkeiten die notleidenden Künstlerinnen und Künstler auch als Institution mit Ankäufen.
In einer kleinen Sonderpräsentation erinnert der Kunstverein anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung mit Werken von Herbert Querfeld (1900-1978), Georg Hillmann (1916-2003), Hans Jacoby (1904-1949), Paul Kunze (1892-1977), Paul Ernst Wilke (1894-1971), Werner Gustav Tegethof (1919-2002), Fritz Hans Marutzky (1923- 1998) und Thea Koch-Giebel (geb. 1929) an den schwierigen Neubeginn sowie den langsamen Wandel in der regionalen Kunst nach 1945. Im Vergleich mit ausgewählten Werken aus der Zeit vor 1945 wird deutlich, wie auch die lokalen Künstlerinnen und Künstler aus eigenem Antrieb oder auf Kundenwunsch um neue künstlerische Ausdrucksformen rangen und so nach und nach „moderne“, zeitgemäße abstraktere Ausdrucksformen Eingang in ihr Oeuvre fanden.