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Anne Bourse "Old People Smoking"

28.01. - 23.04.2023

Alle Künstler:innen eignen sich den Raum an, in dem sie ausstellen. Anne Bourse nimmt diesen jedoch auf eine besondere Weise ein, scheint sie ihn doch von einem Ausstellungsraum, der ein öffentlicher ist, in einen privaten zu überführen. Es bleibt jedoch ein öffentlicher, auch wenn er mit dem Privaten spielt. Dieser scheinbare Widerspruch markiert bereits eine Ambivalenz, und damit einhergehend eine Verletzlichkeit, die für das Werk Anne Bourses kennzeichnend sind.
 
Irgendwo in diesen privaten oder genauer gesagt sozialen Räumen, in denen sich Intimes ereignet und Begehren zeigt, liegt Bourses Interesse. Bereits die gläserne Eingangstür der Kunsthalle ist mit einem Vorhang versehen, sodass der gewohnte Blick ins Innere verwehrt bleibt. Das, was sonst Offenheit suggeriert und Besucher:innen einlädt, die Räume zu betreten, ist plötzlich mit einer „Barriere“ versehen. Oder andersherum: Was im Inneren geschieht, ist nach außen hin abgeschirmt und vor eindringenden Blicken geschützt. Mit Matratzen, Lampen und Decken finden sich in der Ausstellung weitere, einen privaten Raum suggerierende Objekte. Daneben, gleich einem Raum im Raum oder einem Echo des von Bourse in der Kunsthalle geschaffenen realen Raumes, sind Modelle bzw. Versatzstücke von Modellen anderer Räume platziert. Es sind soziale Orte wie Nachtclubs oder Hotelflure; Orte also, denen ein Versprechen von Intensität innewohnt.
 
Ihren Ausgangspunkt finden Bourses Arbeiten in breitgefächerten Bezügen, die mit der Kult-Serie Columbo, den Simpsons oder dem legendären, mittlerweile jedoch geschlossenen Pariser Nachtclub Le Palace zumeist der Popkultur entstammen. Gleich einem poetischen Netz, gewebt aus den persönlichen Begehren und Obsessionen Bourses, durchziehen diese Referenzen die gesamte Ausstellung und sind in den sehr eigenen ästhetischen Kosmos der Künstlerin eingebettet. Es sind bestimmte pastellige Farben, bemalte Spiegeloberflächen oder Stoffe (meist Seide) sowie sich wiederholende Muster und Motive (in Bremerhaven Streifen), von denen das Werk und die Ausstellungen Bourses durchdrungen, ja geradezu gesättigt sind. Die Arbeitsweise der Künstlerin ist dabei eine äußerst akribische und von Repetition geprägt. So entstehen Bourses Werke in einem sich unzählige Male wiederholendem, monotonem, quälendem, weil sich über Stunden und Tage hinziehendem Auftragen von Farbe auf das zugrundeliegende Material sowie in einem mühevollen Selbst-Anfertigen von Objekten mit Werkzeugen und Methoden, die sie nicht beherrscht, sondern sich erst durch do-it-yourself youtube-Videos aneignet. Entsprechend ist ihren Arbeiten eine zeitliche Dimension, ein performatives und handwerkliches Element eingeschrieben. Als ginge es Bourse darum, etwas sehr langsam zu erzählen, wie auch darum, etwas selbst zu erzählen. Auch hier blitzt ein Ringen um Intensität auf, nämlich der Wunsch durch etwas hindurchzugehen, etwas selbst zu durchleben und sich dabei mitunter zu verlieren – auch wenn es ambivalent ist, da befriedigend und schmerzvoll zugleich. Es sind jedoch keine „wirklichen“ Teppiche, keine „wirklichen“ Lampen, keine „wirklichen“ Spiegelwände oder Tiffany-Fenster, die auf diese Weise entstehen, sondern allein die Fantasien der Künstlerin. Aus Seide gefertigt sind etwa die Matratzen für einen tatsächlichen Gebrauch völlig ungeeignet.
 
So lässt sich die Ausstellung von Bourse wohl am besten als ein aus persönlichen Leidenschaften und Interessen geschaffener malerischer Farb- und Fantasieraum beschreiben. Sie weist jedoch auch darüber hinaus. Auf soziale Räume referierend, mit denen die Besucher:innen ihre eigenen Erfahrungen verknüpfen, die aber auch kulturell aufgeladen sind, da sich etwa durch Filme und Literatur ein Versprechen in sie eingeschrieben hat, werden die Betrachter:innen in der Ausstellung auf ihre individuellen, wenn auch kulturell und gesellschaftlich bedingten, Fantasien und Begehren zurückgeworfen. Die sich in den Arbeiten verdichtenden farblichen, motivischen und materiellen Wiederholungen, Verschiebungen und Verschachtelungen ermöglichen es aber auch, sich in der Ausstellung einfach treiben zu lassen.
 
Mit Old People Smoking realisiert Anne Bourse in der Kunsthalle Bremerhaven ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland.

Kuratiert von Stefanie Kleefeld.


Veranstaltungen

Samstag, 18. Februar 2023, 14 Uhr 
»Kinderclub« mit Ludmilla Euler

Donnerstag, 23. März 2023, 18 Uhr
Gespräch zu den Arbeiten von Anne Bourse mit Oriane Durand (Kunstverein Bielefeld) und Stefanie Kleefeld (Kunsthalle und Kunstmuseum Bremerhaven)

Samstag, 22. April 2023, 17 Uhr
»Finissage« – Ausstellungsrundgang mit Julia Bokermann und Performance von Benjamin Seror

 

Gefördert durch:

Institut français
Deutsch-Französischer Bürgerfonds

Telefon: 0471 46838
Allgemeine Informationen
 

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