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10. November 2011 bis 4. Januar 2012

Von "Malweibern" zu Nationalpreisträgerinnen
Der Kunstverein und die Künstlerinnen

„Sehen Sie, Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent.“ (Simplicissimus, 1901)
Dass dieser Satz weder heute noch damals der Wahrheit entspricht, zeigt eindrucksvoll die aktuelle Ausstellung auf der Galerie der Hauptstelle der Sparkasse Bremerhaven, zusammengestellt aus dem Bestand des Bremerhavener Kunstvereins. Dieser ist Dank einer Spende der Sparkasse in diesem Zusammenhang um ein wunderbares Gemälde der Künstlerin Cecilia Edefalk angewachsen.
Unter dem Titel „Von „Malweibern“ zu Nationalpreisträgerinnen“ präsentieren die Sparkasse und der Kunstverein Bremerhaven eine Ausstellung zur Emanzipation der Frau in der Kunst. Mit einer Werkauswahl von 17 Künstlerinnen, die in Bremerhaven lebten oder deren künstlerischer Werdegang mit Ausstellungen und Ankäufen durch den Kunstverein gefördert wurde, gibt die Ausstellung einen Einblick in die künstlerische Entwicklung von Frauen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Den Anfang in der Ausstellung macht ein Landschaftsgemälde der Bremerhavener Malerin Sophie Wencke (1874-1963). Die Tochter des Werftdirektors Nikolaus Wencke erhielt früh Malunterricht in Dresden und Berlin bevor sie 1898 nach Worpswede ging. Bereits 1893 war sie mit Kunstwerken in einer Ausstellung des Kunstvereins in Bremerhaven vertreten. Weitere Ausstellungen folgten. Durch die Insolvenz der väterlichen Wencke Werft gezwungen, gelang es Sophie Wencke gemeinsam mit ihrer Schwester Clara bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von ihrer Kunst zu leben. Mit ihren Gemälden, insbesondere aber mit ihren Postkarten, prägte sie in der Öffentlichkeit wesentlich das Bild von Worpswede.
Als sich Sophie Wencke noch in der Ausbildung befand, hatte sich die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1876-1945) mit ihrer schonungslosen Darstellung des Elends des einfachen Volkes bereits einen Namen gemacht, wenngleich nicht immer einen positiven. Als „Rinnsteinkunst“ bezeichnete Kaiser Wilhelm II. 1901 ihre Kunst und die ihrer Künstlerkollegen aus der Berliner Session. 1919, nach dem Untergang der wilhelminischen Ep-poche, erhielt sie jedoch eine Professur und wurde für ihre Kunst mit dem höchsten Orden Preußens ausgezeichnet. In Bremerhaven fanden während der Weimarer Republik wiederholt Ausstellungen mit ihren Werken statt. Darunter befand sich auch die Serie des Weberaufstandes, welche, vor der Vernichtung während des Nationalsozialismus gerettet, auch 1948 in der ersten Ausstellung des Kunstvereins nach dem Kriege gezeigt wurde.
Es folgt eine Freiluftmalerei in impressionistischer Manier. Sie ist von der Bremerhavener Zeichen- und Turnlehrerin Theodora Landgrebe (1878-1973). Der Zeichenunterricht war im 19. Jahrhundert für Frauen die erste Möglichkeit zur beruflichen und künstlerischen Selbständigkeit. Allerdings verloren sie ihre Anstellung wenn sie heirateten. Viele Lehrerinnen blieben daher Zeit ihres Lebens unverheiratet.
Schräg gegenüber hängen zwei Radierungen von Paula Modersohn-Becker (1876-1907), der bedeutendsten Wegbereiterin des Expressionismus in Deutschland. Daneben findet sich das Gemälde „Moorkind“ von der aus Appeln bei Bremerhaven stammenden Malerin Maria Dehn-Misselhorn (1908-1980). Der Kunstverein förderte ihren künstlerischen Werdegang frühzeitig durch Ausstellungen und regelmäßige Ankäufe.
Von nationalem Niveau ist das gegenüber befindliche Bild „Herbsttag“ der Bremer Künstlerin Dora Bromberger aus dem Jahre 1919. Es weist bereits kubistische Stilelemente auf. Nicht von ungefähr zählt die begabte Malerin zu den wichtigen deutschen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. 1933 wurde sie als entartet diffamiert und 1943 von den Nationalsozialisten ermordet.
Zu den Wegbereiterinnen der Moderne zählt auch Ottilie Reylaender-Böhme (1882-1965). Bereits mit 15 Jahren begann sie ihre künstlerische Ausbildung zusammen mit Paula Modersohn-Becker in Worpswede und Paris. Das expressiv gemalte Bild „Indianerfrühling“ von 1927 ist aus der Zeit in Mexiko, wo sie viele Jahre lebte. Als es 1930 in Bremerhaven ausgestellt wurde, galt es als das exzellenteste Bild der Künstlerin.
Im Durchgang hängen Gemälde von Else Wiegandt (1894-1985), Toni Elster (1862-1948) und Elisabeth Noltenius (1888-1964). Alle drei aus Bremen stammend, haben sich bereits zu ihrer Zeit einen Namen als selbständige Künstlerinnen gemacht. In Bremerhaven waren sie mehrfach in Ausstellungen vertreten.
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete 1933 eine Zäsur für die künstlerische Emanzipation der Frauen. Gesellschaftlich zurückgedrängt an Heim und Herd, künstlerisch als entartet diffamiert ihrer Berufsgrundlage entzogen und für mehr als ein Jahr-zehnt von der internationalen Kunstentwicklung abgeschnitten, gelang vielen der Wiedereinstieg nach 1945 nicht und jüngere Jahrgänge fehlten.
Zu den Wenigen, die nach 1945 wieder an ihre Laufbahn von vor 1933 anknüpfen konnten, gehörte Ida Kerkovius (1879-1970). Sie zählt zum Kreis der Stuttgarter Avantgardisten und war unter anderem von 1920 bis 1923 als Bildteppichweberin am Bauhaus in Weimar tätig gewesen.
Die raumgreifenden „Buchrücken“ auf der gegenüberliegenden Wand sind von Anne Berning (1958). Sie gehört bereits zur Künstlergeneration der Postmoderne, die sich, handwerklich und kunsthistorisch gut ausgebildet, spielerisch über Dogmen hinwegsetzt –  zum Beispiel über das Dogma der 1980er Jahre, dass es in der Malerei nichts Neues mehr geben kann - und deren Werk häufig durch einen zwangloseren Umgang mit konzeptionellen, theoretischen oder philosophischen Fragestellungen gekennzeichnet ist. Hier hat sie in vielfach übersteigerter Größe die Buchrücken von Kunstkatalogen gemalt. Darunter befinden sich auch zwei Kataloge der Künstlerinnen Anna Oppermann und Jessica Stockholder, von denen wesentliche Impulse für die Kunst nach 1945 ausgegangen sind.
Auf dem Balkon folgen im Anschluss an ein Bild der dänischen Künstlerin Signe Guttormsen (1964) mehrere Arbeiten der Schwedin Cecilia Edefalk (1954). Cecilia Edefalk war 1996/97 für ein Jahr Stipendiatin in Bremerhaven. Kurz zuvor war sie in Deutschland durch eine Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt bekannt geworden, in der sie Bilder eines jungen Paares beim Beischlaf zeigte, die an den vier Wänden des Raumes jeweils um 90 Grad gedreht aus einem anderen Sichtwinkel gemalt waren. Serielles Arbeiten, hier sichtbar bei den Aquarellen „Meeresbusen“ sowie die gleiche Situation aus verschiedenen Blickwinkeln, kennzeichnen ihre vorsichtige Annäherung an eine Situation. Im Jahr 2002 nahm sie an der documenta 11 mit einer Serie von Bildern teil, die sich von allen Seiten einem Marmorrelief des römischen Kaisers Marc Aurel annäherten. Aus dieser Serie stammt auch das Bild in der Ausstellung, dessen Blau sich am Ende des Balkons in einem Bild von Martina Klein wiederfindet.
Dazwischen befindet sich noch ein Werk der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven (1941-2009). Sie gehörte zu der ersten Generation junger Künstlerinnen nach 1945 in Deutschland, die wieder nationales und bald auch internationales Renommee erlangten. Während eines Aufenthaltes in den USA lernte sie die neue Konzeptkunst kennen, bei der nicht das auratische Kunstwerk im Mittelpunkt steht, sondern das Konzept, die Idee. An die Stelle handwerklich traditionell gefertigter Werke treten, wie auch hier, häufig Sprache und Zeichen. Der Betrachter ist gefordert, sich mit der Theorie, der Idee des Künstlers auseinanderzusetzten und nicht mit der Wirkung des Kunstwerks. 1972, im gleichen Jahr in dem sie an der documenta 5 teilnahm, hatte sie ihre erste Ausstellung in Bremerhaven.
Auch der farbmächtigen Malerei von Martina Klein (1962) liegt eine konzeptionelle Fragestellung zu Grunde: die Frage nach dem formalen Rahmen des klassischen Tafelbildes. Vordergründig technisch präzise monochrom gemalt, hebt die Künstlerin durch die Anordnung im 90 Gradwinkel sowie die skulpturale Platzierung im Raum die gewohnte Hierarchie des Bildes von Vorder- und Rückseite auf.
Die in chronologischer Reihenfolge am Ende des Rundgangs platzierten Werke sind von Ceal Floyer (1968). Ihre erste Ausstellung in Deutschland erhielt die in Pakistan geborene Künstlerin 2004 hier in Bremerhaven. Im Jahr 2006 hatte sie ein einjähriges Residenzstipendium in der Stadt. 2007 wurde sie in Berlin mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Kunst ausgezeichnet. Sie vermeidet in ihren Werken große Gesten und irritiert die Wahrnehmung des Betrachters vielmehr mit minimalen Eingriffen. So fällt bei näherer Betrachtung auf, dass in der Projektion nur rote Fahrzeuge durch das Bild fahren. Eine Projektion mit roter Farbe in der Form eines Tafelbildes – monochrome Malerei?

Das Skript der Eröffnungsrede von Dr. Kai Kähler finden Sie hier.

Sonderführung

Am Donnerstag, den 8. Dezember bieten die Sparkasse und der Kunstverein um 15:30 Uhr und um 17:30 Uhr zwei Führungen durch die Ausstellung "Von "Malweibern" zu Nationalpreisträgerinnen Der Kunstverein und die Künstlerinnen"an.